Abschiedsbrief

© Peter Habereder / pixelio.de

Hallo lieber Freund,

eines gleich zuerst. Das ist ein Abschiedsbrief.

Als ich dich 1971 kennen gelernt habe, war es neu und aufregend. Wir haben schöne Stunden verbracht.
Die ersten Jahre hast du mir nur manchmal Gesellschaft geleistet. Ich war gern mit dir zusammen. Deshalb waren wir immer öfter zusammen und ich der Meinung, dass du mir gut tust. Mir ist zu der Zeit nie der Gedanke gekommen, dass deine Gesellschaft für mich nicht gut sein könnte. Mit dir konnte ich mich entspannen. Das Leben wurde leichter, viele Probleme wurden erträglicher. Mir war nicht bewusst, welchen Stellenwert du für mich bekamst. Aber du hast mein Denken und Fühlen mehr und mehr vereinnahmt. Dabei wollte ich doch unabhängig sein. Das war mein größter Wusch. Unabhängigkeit!!! Statt dessen wurde dein Einfluss immer größer. Die Zeit, die wir miteinander verbrachten, war dann teilweise nicht mehr schön. Es kam immer öfter vor, dass es mir nach unseren Begegnungen nicht gut ging. Ich wollte morgens nicht aufstehen. Manchmal musste ich mich auch übergeben oder ich hatte Erinnerungslücken. Es kam auch vor, dass ich aggressiv reagiert habe. Außerdem habe ich manchmal Dinge gesagt, die andere Menschen sehr verletzt haben. Ich war dann nicht mehr ich selbst; hatte die Kontrolle verloren. Das war sehr beängstigend. Aber es reichte noch nicht, um unsere Freundschaft kritisch zu betrachten.

Dann habe ich einige Versuche unternommen ohne dich auszukommen. Aber das ging nur kurze Zeit (einige Tage). Du warst übermächtig und hast mein Leben bestimmt. Zum Beispiel habe ich mich morgens, auf der Arbeit, schon auf den Feierabend gefreut, um deine Gesellschaft zu haben. Ich war immer öfter und mehr mit dir zusammen. Mehr als mir gut tat. Das habe ich schon seit ca. 2 Jahren gemerkt. Immer wieder wollte ich die Freundschaft beenden. Aber ich habe es auf den nächsten Tag verschoben. So ging es dann weiter, wie bisher. Mir wurde jedoch immer klarer, dass ich mich von dir trennen musste. Dazu benötigte ich jedoch Hilfe. Und die habe ich mir geholt.

Am 31.03.2008 bin ich dann endlich zur Behandlung in eine psychosomatische Klinik  gegangen. Ich wollte etwas unternehmen, damit es mir besser geht. Dort habe ich bis 29.05.2008 ohne Dich gelebt. Und das war gut. Als ich wieder zu Hause war, hast du jedoch mein Leben wieder bestimmt. Die Zeit, die ich dann mit dir verbracht habe, war schlimmer als je zuvor. Es ging mir sehr schlecht. Körperlich und psychisch. Ich habe nicht mehr richtig gegessen, da du mich davon abgehalten hast. Somit habe ich Gewicht verloren. Das war für mich nicht gut. Außerdem waren viele Eigenschaften, wie z.B. Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit, verschüttet. Dazu kam noch, dass auch meine Gefühle, z.B. Liebe und Freude, ebenfalls begraben waren. Immer wenn mir das bewusst wurde, habe ich mich geschämt und mir gesagt: “Morgen werde Dich verlassen.” Aber das hat nicht geklappt.

Ende August diesen Jahres wollte ich so nicht mehr weiter leben. Ich habe den Entschluss gefasst mich von Dir zu befreien. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten bin ich zur Entgiftung gegangen (vom 08.09. bis 21.09.2008). Dort habe ich begonnen, ein Leben ohne dich zu führen. Das Leben ohne dich ist einfach besser. Psychisch und körperlich. Ich kann wieder Liebe und Lebensfreude empfinden. Bin neugierig auf das Leben. Außerdem esse ich wieder und habe zugenommen. Nun fühle ich mich zufrieden.

Vom 21.09. bis 20.10.2008 bin ich zu Hause gewesen. Die Zeit habe ich sehr gut ohne deine Gesellschaft verbracht. Seit dem 20.10.2008 befinde ich mich nun zur Langzeitentwöhnung. Ich lebe nun schon seit dem 08.09.2008 ohne Dich und bin sehr erleichtert. Ich kann über mein Handeln wieder selbst bestimmen. Denn:

Ich entscheide, ob ich deine Gesellschaft will oder nicht. Die Umstände sind nicht verantwortlich. Es gibt immer einen Grund, deine Gesellschaft in Anspruch zu nehmen; positiv wie negativ. Aber letztendlich liegt die Entscheidung nur bei mir, ob ich deine Gesellschaft will oder nicht. Und ich will sie nicht mehr.

Mir ist bewusst, dass auch wieder Zeiten kommen werden, in denen es mir nicht so gut geht. Aber diese Zeiten werde ich überstehen. Auch ohne dich. Und wenn es so aussieht, als würde ich es nicht alleine schaffen, werde ich mir wieder Hilfe holen.

Diesen Brief hätte schon vor langer Zeit schreiben sollen. Doch ich hatte nicht die Kraft dazu. Mir tut es nicht leid unsere Freundschaft zu beenden. Es ist unumgänglich.

Ich freue mich auf ein Leben ohne dich.

Dagmar


 

Fast drei Jahre später, ohne meinen “Freund Alkohol“:

Bestandsaufnahme vom 28.08.2011:

Mittlerweile bin ich 56 Jahre alt und lebe nun schon fast drei Jahre ohne dich. Es ist die beste Zeit meines Lebens. Als wir noch Freunde waren, konnte ich mir ein solches Leben nicht vorstellen. Aber nun habe ich andere Freunde, die wirkliche Freunde sind. Das sind z.B.: Lebensfreude, Gefühle (positive und auch mal negative), Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit, Interesse an vielen Dingen und Zufriedenheit. Die Selbsthilfegruppe, die ich besuche, gehört auch zu meinen neuen Freunden.

Oft denke ich an die Zeit zurück, als ich meine Zeit mit dir, dem falschen Freund, verbracht habe. Rückblickend war es keine gute Zeit. Aber sie gehört zu meinem Leben. Sie hat dazu beigetragen, dass ich so bin, wie ich heute bin. Und heute mag ich mich und werde alles tun, damit es so bleibt.

Dagmar

5 Kommentare

  1. Rolf sagt:

    Hallo Dagmar,
    ich finde es sehr gut , das Du uns an Deiner “Trockengeschichte” teilhaben lässt.
    Herzliche Grüße Rolf

  2. Norbert sagt:

    Deine Geschichte ist außergwöhnlich gut.Besonders gefällt mir die Perspektive aus der du sie erzählst.
    Best regards
    Norbert

  3. Hoff sagt:

    Wir sind wahnsinnig STOLZ auf dich.Und wir hoffen, dass du so weiter machst wie bisher. Egal was kommen mag in der Zukunft. Wir werden IMMER an deiner Seite stehen und dich unterstützen.:-)

    Viele Grüße Nina und Adrian

  4. Thomas Beetz sagt:

    Hallo Dagmar ich habe deinen Brief mit grossem Interesse gelesen da ich selber grad auf einer Langzeittherapie bin und mich informieren will ob es wirklich eine zufriedene Abstinenz gibt denn daran zweifle ich ganz oft!
    Kannst du mir paar Tips geben? Gruss Tom

    • Dagmar Siebens-Janssen sagt:

      Hallo Thomas,
      es gibt eine zufriedene Abstinenz. Auf dem Weg dahin kann der Besuch einer Selbsthilfegruppe sehr hilfreich sein. Ich rate dir, besuche in jedem Fall eine Selbsthilfegruppe. Dort erhälst du Unterstützung.
      Gruß Dagmar

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